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Wenn die Nacht verschwindet

Menschen, Tiere und Pflanzen leiden zunehmend unter Lichtverschmutzung. Hier erklären die IHK-geprüften Experten der Blatta GmbH, wie künstliches Licht uns die Dunkelheit raubt und was das für Umwelt, Klima und Gesundheit bedeutet

Blick von oben auf die Stadt an einem nebligen Winterabend im dichtem Nebel und geheimnisvoller Atmosphäre.

1. Was ist Lichtverschmutzung überhaupt?

Am 8. Dezember 1882 wurde auf dem Rathausmarkt die erste elektrische Straßenbeleuchtung Hamburgs in Betrieb genommen – eine zivilisatorische Errungenschaft! Die Menschen in Hamburg und andernorts wurden mit der Zeit in ihrem Tun immer unabhängiger von Sonnenaufgang und -untergang. Doch die massive Ausbreitung des künstlichen Lichts sorgt inzwischen dafür, dass die Dunkelheit verloren geht. So sehr, dass man heute von Lichtverschmutzung spricht. All die künstlichen Lichtquellen, die in den Himmel oder die Umgebung abstrahlen – etwa Straßenlaternen, Werbeschilder, beleuchtete Fassaden, Autoscheinwerfer oder Hausbeleuchtungen lassen die Nacht verschwinden. Anders als klassische Umweltverschmutzung ist Licht nicht schmutzig im wörtlichen Sinn, aber ihre Auswirkungen können dennoch erheblich sein. Besonders in Städten ist der Nachthimmel oft so hell, dass kaum noch Sterne sichtbar sind. Doch die schädlichen Folgen gehen weit über die Erschwernisse beim Beobachten des Sternenhimmels hinaus.

2. Warum brauchen wir Dunkelheit?

Das Leben auf der Erde hat sich im Laufe der Evolution an den Wechsel von Tag und Nacht, von Hell und Dunkel angepasst. Dieser Rhythmus, auch zirkadianer Rhythmus genannt, beeinflusst unseren Schlaf, den Hormonhaushalt und viele biologische Prozesse im Körper. Fast jede Körperzelle besitzt eine innere Uhr, die durch Licht – und weitere Faktoren wie Bewegung und Ernährung – beeinflusst wird. Das gilt auch für Fauna und Flora: Das Licht von Sonne, Mond und Sternen und die sich verändernden Tages- und Nachtlängen im Jahresverlauf geben den Impuls, dass Pflanzen im Frühjahr austreiben, Blumen blühen, Tiere sich fortpflanzen, Bäume im Herbst die Blätter abwerfen und Vögel in den Süden aufbrechen. Wenn es nachts zu hell ist und die natürlichen Taktgeber damit aus dem Lot sind, kann das den Ablauf dieser Prozesse stören – mit teilweise dramatischen Konsequenzen.

3. Welche Arten von Lichtverschmutzung gibt es?

  • Lichtverschmutzung tritt in verschiedenen Formen auf:
  • Aufhellung des Himmels (Skyglow): Durch Licht, das in den Himmel abstrahlt, entsteht eine künstliche Aufhellung – besonders über Städten.
  • Blendung: Helles Licht, das unangenehm oder gar gefährlich für das Auge ist – z. B. durch schlecht gerichtete Straßenbeleuchtung.
  • Lichtintrusion: Damit ist das künstliche Licht gemeint, das in eigentlich dunkle Bereiche eindringt – etwa durch Fenster ins Schlafzimmer.
  • Übermäßige Beleuchtung: Wenn mehr Licht eingesetzt wird, als nötig wäre – oft aus Sicherheitsgründen oder zu Werbezwecken.

Diese Formen treten häufig gemeinsam auf und sind besonders in dicht besiedelten Gebieten verbreitet.

4. Wie wirkt sich Lichtverschmutzung auf Tiere aus?

Viele Tiere sind auf Dunkelheit angewiesen – sei es zur Orientierung, zur Nahrungssuche oder zur Fortpflanzung. Künstliches Licht kann diese Abläufe massiv stören. Hier drei Beispiele.

Insekten
Insekten, besonders nachtaktive Arten wie Motten, werden von Lichtquellen angezogen, besonders von solchen mit einem hohen – für Menschen unsichtbaren – UV- oder Infrarotanteil sowie einem Anteil blauen Lichts. Die Insekten kreisen stundenlang um Laternen, bis sie erschöpfen. Viele verbrennen an den heißen Leuchtmitteln. Dies trägt maßgeblich zum Insektensterben bei. Ein Rückgang der Insektenpopulation wirkt sich wiederum auf Vögel, Fledermäuse und auf Pflanzen aus, die auf die Bestäubung durch Insekten angewiesen sind.

Vögel
Zugvögel orientieren sich nachts am Sternenhimmel. Ist dieser durch Licht verschleiert, geraten sie vom Kurs ab. Besonders tragisch: Viele Vögel prallen nachts gegen erleuchtete Hochhäuser oder Türme. Schätzungen zufolge sterben weltweit Millionen Zugvögel jährlich durch künstliches Licht.
 

Meeresschildkröten
Ein weiteres Beispiel dafür, wie Tiere dem Licht zum Opfer fallen, sind Meeresschildkröten. Die nachts schlüpfenden Meeresschildkröten orientieren sich daran, dass es über dem seeseitigen Horizont heller ist als über dem Land. Hotellichtern oder Straßenlaternen irritieren sie und locken sie weg vom Wasser – viele überleben dann die erste Nacht nicht.

5. Welche Auswirkungen hat Lichtverschmutzung auf den Menschen?

Auch wir Menschen bleiben von den Folgen nicht verschont. Eine übermäßige Beleuchtung in der Nacht kann zu Schlafstörungen führen. Wer nachts ständigem Licht ausgesetzt ist – sei es durch Straßenlaternen oder Bildschirme – produziert weniger Melatonin, ein Hormon, das für einen gesunden Schlaf wichtig ist. Studien deuten sogar darauf hin, dass dauerhaft gestörter Schlaf das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen und sogar Krebs erhöhen kann. Zudem geht durch Lichtverschmutzung ein Stück Naturerfahrung verloren: Kindern, die noch nie die Milchstraße gesehen haben, fehlt ein wichtiger Zugang zur Astronomie und zur Natur.

6. Was hat Licht mit Klimaschutz zu tun?

Künstliches Licht kostet Energie – und Energieverbrauch verursacht Emissionen. Schätzungen ergeben, dass weltweit jährlich mehrere Milliarden Kilowattstunden für Außenbeleuchtung verbraucht werden. Ein erheblicher Teil davon ist unnötig: schlecht ausgerichtete Leuchten, Dauerbeleuchtung, übermäßige Helligkeit.
Durch effizientere Lichtnutzung ließen sich nicht nur CO₂-Emissionen senken, sondern auch erhebliche Kosten sparen. Lichtverschmutzung ist also nicht nur ein Umwelt- und Gesundheitsproblem, sondern auch eine Klimafrage.

7. Woher kommt das Wort „Lichtverschmutzung“?

Der Begriff „Lichtverschmutzung“ (light pollution) kam erstmals in den 1970er Jahren auf. Damals begannen Astronomen sich über die zunehmende Aufhellung des Nachthimmels durch künstliches Licht zu beklagen, da sie Sterne und Himmelskörper immer schlechter beobachten konnten. Eine der ersten dokumentierten Verwendungen des Begriffs stammt aus einem Artikel von John Bortle, einem US-amerikanischen Amateurastronomen, der sich intensiv mit der Qualität des Nachthimmels beschäftigte. Er entwickelte 2001 die neunstufige Bortle-Skala – ein System zur Klassifikation der Himmelsqualität in Bezug auf Lichtverschmutzung. Die 1988 in den USA gegründete International Dark-Sky Association (IDA), heute Dark Sky International, hat den Begriff „Lichtverschmutzung“ popularisiert und ihm eine klare Definition gegeben. Seit den 1990er Jahren hat sich der Begriff immer weiter verbreitet – zunächst in der Umweltforschung und Astronomie, später auch in Ökologie, Stadtplanung und schließlich in der öffentlichen Debatte. Im deutschen Sprachraum tauchte der Begriff „Lichtverschmutzung“ ab den 1990er Jahren regelmäßig in Publikationen auf. Zuvor wurde eher von „nächtlicher Aufhellung“ oder „Lichtsmog“ gesprochen. Inzwischen ist „Lichtverschmutzung“ die gängige Übersetzung des englischen light pollution.

7. Gibt es Lösungen oder gute Beispiele gegen Lichtverschmutzung?

Ja – viele Städte und Gemeinden weltweit beginnen, gezielt gegen Lichtverschmutzung vorzugehen. Einige Lösungsansätze:

  • Intelligente Beleuchtung: Bewegungsmelder, Zeitschaltuhren und dimmbare Lampen helfen, Licht nur dann zu nutzen, wenn es wirklich gebraucht wird.
  • Abgeschirmte Leuchten: Licht sollte gezielt nach unten gerichtet sein, nicht in den Himmel oder in Wohnräume strahlen.
  • Warmes Licht: Gelblich-warmes Licht (3000 Kelvin) stört nachtaktive Tiere weniger als kalt-weißes oder bläuliches Licht.
  • „Dark Sky Parks“: Schutzgebiete, in denen künstliches Licht stark reduziert ist, um den Nachthimmel wieder erlebbar zu machen.
  • Die Stadt Fulda hat eine Vorreiterrolle – als „Sternenstadt“ engagiert sie sich vielfältig für mehr Dunkelheit. Mehr Infos: sternenstadt-fulda.de

8. Was kann ich selbst gegen Lichtverschmutzung tun?

Jeder Mensch kann einen Beitrag leisten:

  • Verzichten Sie auf unnötige Außenbeleuchtung an Haus und Garten.
  • Verwenden Sie nur warm-weißes Licht mit geringer Farbtemperatur.
  • Richten Sie Leuchten so aus, dass sie nicht in den Himmel oder Nachbars Fenster strahlen.
  • Installieren Sie Bewegungsmelder oder Zeitschaltuhren.
  • Sprechen Sie mit Ihrer Gemeinde über nachhaltige Straßenbeleuchtung.
  • Und vielleicht das Wichtigste: Gehen Sie raus, wenn es dunkel ist – und genießen Sie die Stille und Dunkelheit der Nacht. Der Blick in einen klaren Sternenhimmel kann nicht nur faszinierend sein, sondern auch das Bewusstsein schärfen für das, was wir durch Lichtverschmutzung zu verlieren drohen.

Mehr Infos:

Auf der Informationsseite der Hamburger Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA) werden Ursachen, Probleme und Lösungsansätze erklärt.
Mehr Infos unter hamburg.de, Stichwort: „Lichtverschmutzung und Naturschutz“

Das EU-Projekt „Darker Sky“ hat das Ziel, die zunehmende Lichtverschmutzung zu verringern. Denn Europa leidet nicht nur in den (Groß-)Stadträumen immer mehr unter der wachsenden Lichtverschmutzung, sondern zunehmend auch in den ländlichen Räumen und angrenzende (Nordsee-)Meeresräume. Den Kommunen werden im Rahmen des Projekts innovative Mess-, Überwachungs- und Mitgestaltungsmethoden für die Umsetzung der Lichtreduzierung zur Verfügung gestellt. In Hamburg arbeitet das Bezirksamt Altona mit der HAW Hamburg - Hochschule für angewandte Wissenschaft an entsprechenden Konzepten.
Mehr Infos: interregnorthsea.eu/darker-sky

Skyglow“ ist ein Multimedia-Projekt, das aus der Zusammenarbeit der US-amerikanischen Fotografen Gavin Heffernan und Harun Mehmedinovic entstanden ist. Es zeigt die noch verbliebenen Nachthimmel der Welt – und ihre Bedrohung durch zunehmende Lichtverschmutzung. Mehr Infos: skyglowproject.com

Aktion Earth Night“ ist eine internationale Initiative, die auf das Problem der stetig zunehmenden Lichtverschmutzung durch die ungehemmte Nutzung von Kunstlicht von uns Menschen hinweisen will. Die Idee: Eine Nacht auf dem Planeten ohne Kunstlicht! Die Aktion findet jedes Jahr im September statt – an dem Freitag, der maximal nahe der Neumondnacht liegt. Ab Einbruch der Dunkelheit (bzw. spätestens ab 22 Uhr) heißt es dann: Licht aus! Für eine ganze Nacht. Mehr Infos: earth-night.info

Die 1988 in den USA gegründete Organisation „Dark Sky International“ engagiert sich weltweit im Kampf gegen Lichtverschmutzung – und zertifiziert Kommunen, Lichtprodukte und -installationen, die zum Schutz der Dunkelheit beitragen. Mehr Infos: darksky.org