Lebenswichtige Mitbewohner

Seitenansicht eines Monarch Schmetterlings auf einer roten Zinnia Blume in einem bunten Garten an einem späten Sommernachmittag
1. Was ist das „Gartentier des Jahres“ und wer wählt es aus?
Das „Gartentier des Jahres“ ist eine Auszeichnung der Heinz Sielmann Stiftung, mit der jährlich eine Tierart in den Fokus gerückt wird, die typischerweise in naturnahen Gärten vorkommt oder dort besonders gefördert werden kann. Ziel der Initiative ist es, Aufmerksamkeit für die biologische Vielfalt im unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen zu schaffen. Anders als viele Naturschutzprogramme konzentriert sich diese Aktion bewusst auf den Garten – also auf eine Landschaftsform, die in Mitteleuropa flächenmäßig enorm verbreitet ist und großes Potenzial für den Artenschutz besitzt. Dieses Jahr können Interessierte bis zum 26. April 2026 online auf sielmann-stiftung.de darüber abstimmen, welcher von sechs typischen Gartenbewohnern, die ein Fachgremium zuvor bestimmt hat, die Auszeichnung erhalten soll. Zur Wahl stehen in diesem Jahr die Blaumeise, der Kugelspringer (ein Insekt), der Große Abendsegler (eine Fledermaus), das Eichhörnchen, die Blindschleiche und der Zitronenfalter. Sie leben in den unterschiedlichen Lebensräume im Garten – vom Boden über Sträucher und Bäume bis in den nächtlichen Luftraum – und stehen beispielhaft für die tierische Vielfalt in urbanen Siedlungsräumen.
2. Warum stellt die Heinz Sielmann Stiftung speziell Tiere aus dem Garten in den Mittelpunkt?
Schätzungen zufolge existieren in Deutschland mehrere Millionen Privatgärten, hinzu kommen Kleingartenanlagen, Schulhöfe, Parkanlagen und andere begrünte Flächen der Wohnungswirtschaft. Zusammen bilden sie ein weit verzweigtes Netz potenzieller Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Durch die jährliche Wahl des „Gartentier des Jahres“ wird ein konkretes Beispiel geschaffen, an dem sich ökologische Zusammenhänge erklären lassen. Gleichzeitig soll die Aktion Menschen motivieren, ihren Garten naturnäher zu gestalten und so aktiv zum Erhalt der Artenvielfalt beizutragen. Gärten können wichtige „Trittsteinbiotope“ sein. Dieser Begriff beschreibt kleine Lebensräume, die voneinander getrennte größere Habitate (zum Beispiel Naturschutzgebiete) miteinander verbinden. Insekten, Amphibien oder Vögel können solche Flächen als Zwischenstation auf ihren Wanderungen oder zur Nahrungssuche nutzen. Allerdings: Viele Gärten sind heute stark gestaltet. Und kurz geschorene Rasenflächen, exotische Zierpflanzen, stark gezüchtete Sorten, versiegelte Terrassen oder Schottergärten bieten nur begrenzte ökologische Funktionen und reduzieren die Artenvielfalt. Chemische Mittel und Mähroboter machen vielen Tieren das Leben zusätzlich schwer. Gärten könnten dabei Oasen der Artenvielfalt sein. Denn ein naturnaher Garten bietet Nahrung, Verstecke, Brutplätze und Überwinterungsorte an.
3. Wie wirkt sich die Wahl des Gartentiers auf unser Naturverständnis aus?
Zunächst einmal lernen wir auf diese Weise heimische Tiere kennen oder erfahren mehr über sie. Oder war Ihnen der Kugelspringer schon vorher bekannt? Wussten Sie, dass Blaumeisen eifrig Blattläuse jagen? Vielleicht achtet man auch stärker darauf, was im eigenen Garten oder auf dem Balkon kreucht und fleucht. Die Wahl des Gartentiers des Jahres macht zudem deutlich, dass Artenschutz nicht ausschließlich Aufgabe von Behörden oder Naturschutzorganisationen ist. Auch Privatpersonen können einen messbaren Beitrag leisten. Schon kleine Veränderungen – etwa mehr heimische Blühpflanzen, weniger Versiegelung oder der Verzicht auf Pestizide – können die biologische Vielfalt im eigenen Umfeld deutlich erhöhen. Jeder kann etwas beitragen, denn auch kleinste Vorgärten oder Balkone können naturnah gestaltet werden.
Tipp:MOIN STADTNATUR ist ein Projekt der Loki Schmidt Stiftung in Hamburg, das von der Behörde für Umwelt, Klima, Energie und Agrarwirtschaft (BUKEA) gefördert wird. Das MOIN STADTNATUR-Team berät Sie bei einem Besuch oder in einem Telefonat, wie Sie Ihren Garten oder Balkon in kleinen Schritten in ein naturnahes Paradies verwandeln können. Das Angebot ist kostenlos und die Beratung verpflichtet nicht zur Umgestaltung. Einzige Bedingung: Der Garten oder Balkon muss sich auf Hamburger Stadtgebiet befinden. Mehr Infos: moinstadtnatur.de
4. Warum sind Tiere für den Garten so wichtig?
Tiere brauchen Gärten als Rückzugsort, zum Nisten und als Nahrungsquelle – ganz besonders in der Stadt. Doch Gärten brauchen genauso die Tiere. Denn diese erfüllen vielfältige Funktionen innerhalb der kleinen Ökosysteme. Insekten zählen zu den wichtigsten Akteuren. Wildbienen, Schmetterlinge oder Schwebfliegen bestäuben zahlreiche Blütenpflanzen. Ohne diese Bestäubungsleistung würden viele Obst- und Gemüsesorten deutlich weniger Ertrag bringen. Und Tiere regulieren auf natürliche Weise die Populationen. Marienkäfer und ihre Larven beispielsweise ernähren sich von Blattläusen, während Igel oder Spitzmäuse verschiedene Insekten und Schnecken fressen. Solche Räuber-Beute-Beziehungen stabilisieren das ökologische Gleichgewicht. Auch Vögel spielen eine wichtige Rolle. Viele Singvögel sammeln während der Brutzeit große Mengen an Raupen und anderen Insekten, um ihre Jungen zu versorgen. Dadurch reduzieren sie potenzielle Pflanzenschädlinge erheblich. Darüber hinaus tragen manche Tiere zur Bodenökologie bei. Regenwürmer lockern den Boden und fördern die Durchlüftung sowie den Nährstoffkreislauf. In einem naturnahen Garten greifen diese Prozesse ineinander und sorgen dafür, dass das System insgesamt stabiler und resilienter gegenüber Umweltveränderungen wird.
5. Was bedroht Gartentiere?
Intensive Pflege der Gärten: Häufiges Mähen und der Trend zu stark gestalteten Gärten zerstören tierische Nahrungs- und Rückzugsorte.
Einsatz von Pestiziden: Chemische Pflanzenschutzmittel können nicht nur so genannte Schädlinge, sondern auch viele nützliche Insekten töten. Selbst geringe Mengen können Bestäuber beeinträchtigen oder Nahrungsketten verändern.
Versiegelung des Bodens: Terrassen, Garagenzufahrten und gepflasterte Flächen verringern den Lebensraum für Tiere, beispielsweise für die am Boden nistenden Wildbienen.
Lichtverschmutzung: Künstliche Beleuchtung in Gärten oder an Häusern beeinflusst das Verhalten vieler nachtaktiver Insekten und kann deren Orientierung stören.
6. Wie kann ich meinen Garten oder Balkon naturnäher gestalten?
- Blumenwiesen, Hecken, Staudenbeeten und kleine Wasserflächen: Artenvielfalt wird besonders gefördert, wenn das Grün ums Haus herum mit verschiedenen Elementen gestaltet und in unterschiedliche Zonen aufgeteilt ist.
- Heimische Wildpflanzen spielen eine zentrale Rolle. Denn die heimischen Pflanzen und Tiere passen zueinander wie Schlüssel und Schloss. Im Evolutionsprozess haben sie sich perfekt aneinander angepasst. Exotische Pflanzen oder Zuchtformen hingegen können von den heimischen Tieren wenig genutzt werden. Tipp: Heimische Wildpflanzen gibt es in der Regel nicht im Gartencenter zu kaufen. Sie bekommen Sie eher auf Pflanzenmärkte und Tauschbörsen (in Hamburg zum Beispiel im Botanischen Garten, am Kiekeberg oder auf Gut Karlshöhe) oder bei auf heimische Wildpflanzen spezialisierten Gärtnereien, die Pflanzen auch per Post verschicken, etwa starkezwiebeln.de oder stauden-marie.de
- „Unaufgeräumte“ Bereiche sind ökologisch wertvoll. Laubhaufen, alte Äste oder kleine Steinhaufen dienen zahlreichen Tieren als Versteck oder Überwinterungsplatz.
- Damit Tiere in Ihrem Garten einen Lebensraum finden können, sollten Sie auf Pestizide verzichten und stattdessen auf natürliche Regulierung durch Nützlinge setzen.
- Wichtig: Schon kleine Veränderungen können die Artenvielfalt fördern, etwa ein Insektenhotel, eine Vogeltränke oder eine blütenreiche Ecke im Garten.
7. Lockt ein naturnaher Garten Schädlinge an?
Ein naturnaher Garten lockt Tiere an! Solche, die wir als Schädlinge bezeichnet und andere, die wir niedlich oder nützlich finden. In einem naturnahen Garten befindet sich das Ökosystem jedoch in einem besseren Gleichgewicht als in verbauten Gärten mit vielen Neophyten (gebietsfremde Pflanzen). Die Nützlinge sorgen dafür, dass die Schädlinge nicht Überhand nehmen. Schwebfliegenlarven, Schlupfwespen, Ohrwürmer und Raubfliegen helfen zum Beispiel nicht nur gegen Blattläuse, sondern auch gegen viele andere Schädlinge. Zur natürlichen Eindämmung von Schnecken tragen viele Laufkäfer- und Feuerkäferarten bei. Igel sind Insektenfresser und verspeisen viele Schädlinge. (Und leider auch Regenwürmer.) Ein Siebenpunkt-Marienkäfer vertilgt bis zu 50 bis 100 Blättläuse am Tag, die Larven der Florfliege etwa 50.

