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Plötzlich da!

Immer häufiger hört man von sogenannten invasiven Tier- und Pflanzenarten. Doch was verbirgt sich hinter diesem Begriff? Sind diese Tiere wirklich gefährlich? Wo wachsen invasive Pflanzen? Und was kann man selbst dazu beitragen, die heimische Natur zu schützen? In diesem Artikel beantworten die IHK-geprüften Experten der Blatta GmbH die wichtigsten Fragen rund um das Thema.

Invasive Tier- und Pflanzenarten

Plötzlich da! Was sind invasive Tier- und Pflanzenarten?

Was sind invasive Tier- und Pflanzenarten?

Es gibt in Deutschland rund 1000 gebietsfremde Pflanzen- und Tierarten, die dauerhaft bei uns heimisch geworden sind. Diese Arten sind vom Menschen in den vergangenen Jahren oder Jahrzehnten absichtlich oder unabsichtlich aus einer anderen Region der Welt hierher gebracht worden. Diese Tiere oder Pflanzen haben sich nicht auf natürlichem Wege, aus eigener Kraft angesiedelt, sondern wurden vom Menschen eingeschleppt oder importiert. Gebietsfremde Pflanzen nennt man Neophyten, die Tierarten Neozoen, die Pilze Neomyceten. Die meisten gebietsfremden Arten stellen kein Naturschutzproblem dar. Nur etwa 10 Prozent der Neobiota haben negative Auswirkungen auf die Umwelt, die biologische Vielfalt, die menschliche Gesundheit oder die Wirtschaft. Hier spricht man dann von invasiven Arten. Invasive Arten vermehren sich zum Beispiel häufig sehr stark, weil sie sich sehr gut an ihren neuen Lebensraum anpassen können oder keine oder nur wenige natürliche Feinde haben. Dadurch verdrängen sie heimische Arten und verändern Ökosysteme.

Was ist das Besondere daran, wenn Arten vom Menschen eingeschleppt oder importiert werden?

Es ist ein natürlicher Prozess, dass sich im Laufe der Zeit die Verbreitungsgebiete von Tier- und Pflanzenarten verschieben. Sie unterliegen einem stetigen Wandel. Klima, Nahrung und andere Umweltbedingungen wirken dabei auf Tiere und Pflanzen ein. Allerdings ist das normalerweise ein ganz langsamer Prozess, das Ökosystem passt sich dabei an veränderte Verbreitungsmuster an. Anders ist es, wenn eine Tier- oder Pflanzenart von Menschen „plötzlich“ in eine neue Umwelt gebracht wird – dann können diese sinnvollen Anpassungsprozesse zum Teil nicht stattfinden.

Wie kommen invasive Arten in ihre neue Heimat?

Gebietsfremde Arten – von denen sich einige als invasiv erweisen – gelangen auf verschiedenen Wegen in die neuen Lebensräume.
Globaler Handel und Transport: Tiere „reisen“ unbeabsichtigt in Frachtschiffen, Containern oder Flugzeugen mit – zum Beispiel als Larven, Eier oder blinde Passagiere. Nutzpflanzen werden importiert.
Tourismus: Samen, Sporen und kleine Tiere reisen unbemerkt mit im Gepäck oder haften an Kleidung oder Fahrzeugen. Oder sie werden als Souvenir mitgebracht.
Haustierhaltung oder Tierzucht: Exotische Tiere werden absichtlich eingeführt, entkommen dann in die freie Natur oder werden freigelassen.
Fischerei und Jagd: Manche Arten wurden importiert, um Fischbestände zu verbessern oder neue Jagdmöglichkeiten zu schaffen.

Sind invasive Arten ein neues Phänomen?

Nein. Neu ist das Thema nicht. Man unterscheidet zwischen Archäobiota und Neobiota. Als Archäobiota werden Arten bezeichnet, die vor dem Jahr 1492 (Kolumbus erreicht Amerika) bei uns eingeführt oder eingeschleppt wurden und bis heute dauerhaft etabliert sind. Diese Arten stammen größtenteils aus dem vorder- oder zentralasiatischen Raum. Als Neobiota werden alle Arten bezeichnet, die nach 1492 nach Europa eingeschleppt und hier heimisch wurden. Und auch aus Europa heraus wurden immer wieder Arten in andere Regionen gebracht: Die Ratten und Katzen, die auf europäischen Schiffe in die Tropen gelangten, vernichteten auf einigen Inseln in kurzer Zeit am Boden brütende Vogelarten. In Australien hat sich das europäische Kaninchen zur Plage entwickelt. Genetische Analysen lassen vermuten, dass alle heute in Australien lebenden Kaninchen auf 24 Exemplare zurückgehen, die sich der englische Siedler Thomas Austin 1859 von seinem Bruder aus England auf den neuen Kontinent liefern ließ. Allgemein lässt sich sagen, dass gebietsfremde Arten in einem geographischen Durchgangsraum wie Mitteleuropa in der Regel weniger Schaden anrichten als auf isolierten Inseln. Durch den internationalen Handel und weltweiten Tourismus hat die Verbreitung invasiver Arten aber überall auf der Welt zugenommen. Und auch in einem geographischen Durchgangsraum wie Deutschland könnte sich die Situation zuspitzen: Das Ansteigen der Temperaturen begünstigt das Überleben und Ausbreiten wärmeliebender Arten. Bislang haben die kalten Winter in Nordeuropa häufig verhindert, dass sich gebietsfremde Arten hier verbreiten. Diese klimatische Barriere wird sich im Zuge des Klimawandels deutlich abschwächen. „Angesichts der prognostizierten Klimaerwärmung ist mit einer verstärkten Ausbreitung gebietsfremder Arten und damit einem erhöhten Risiko durch invasive Arten zu rechnen“, prognostiziert das Bundesamt für Naturschutz (BfN).

Welche bekannten invasiven Tier- und Pflanzenarten gibt es?

Einige der bekanntesten invasiven Tier- und Pflanzenarten in Deutschland und Europa sind:
Waschbär: Der Kleinbär stammt ursprünglich aus Nordamerika, er wurde Ende der 1920er Jahren von Pelzfarmern nach Deutschland importiert. Später wurden Tiere freigelassen. Heute streifen schätzungsweise über eine Million Exemplare des nordamerikanischen Raubtiers durch unsere Wiesen, Wälder und Vororte und fressen zum Beispiel Eier und Jungvögel.
Asiatischer Marienkäfer: Da er äußerst fleißig Läuse vertilgt, wurde er zur Schädlingsbekämpfung in Gewächshäusern eingeführt, von dort entkam er, verbreitete sich enorm schnell und verdrängt nun heimische Marienkäferarten wie den Siebenpunkt.
Tigermücke: Die ursprünglich in Südostasien beheimatete Stechmücke hat sich in den vergangenen 30 Jahren weltweit verbreitet, auch in der Mittelmeerregion. Von dort aus erweiterte sie ihr Siedlungsgebiet immer weiter nach Nordeuropa. Die Tigermücke kann Krankheitserreger wie Dengue- oder Zika-Viren übertragen.
Chinesische Wollhandkrabbe: Sie gelangte vermutlich im Larvenstadium im Ballastwasser von Schiffen aus Ostasien bereits vor Jahrzehnten nach Europa. Heute kommt sie in allen in die Nord- und Ostsee mündenden Flüssen vor, ist eine Fressfeind für viele andere Wassertiere und zerstört Uferbefestigungen.
Buchsbaumzünsler: Der ostasiatische Kleinschmetterling wurde zu Beginn des 21. Jahrhunderts nach Mitteleuropa gebracht – vermutlich versehentlich mit Baumschulware. Seine Raupen fressen Buchsbäume kahl.
Ambrosie (auch Beifuß-Ambrosie oder Traubenkraut): Die Pflanze stammt ursprünglich aus Nordamerika und wurde bereits im 19. Jahrhundert nach Europa gebracht. Durch die steigenden Temperaturen verbreitet sie sich zunehmend schneller. Schon kleinste Mengen Ambrosia-Pollen können Allergien auslösen und Asthma hervorrufen.
Riesen-Bärenklau: Zar Alexander I. soll dem österreichischen Fürsten Metternich 1815 Samen der kaukasischen Pflanze zum Geschenk gemacht haben. Inzwischen verbreitet sie sich stark und verdrängt heimische Arten. Ihr Pflanzensaft kann in Verbindung mit Sonnenlicht schwere Hautverätzungen (phototoxische Verbrennungen) verursachen.

Welche Probleme verursachen invasive Arten?

Sie bedrohen die biologischen Vielfalt: Durch Konkurrenz, Jagd oder Krankheitserreger oder Hybridisierung (Kreuzung) gefährden sie heimische Tier- und Pflanzenarten.
Sie können ein Gesundheitsrisiko für Menschen darstellen: Manche Arten übertragen Krankheiten, etwa Zecken oder Mücken. Oder Pflanzen lösen Allergien aus.
Sie richten wirtschaftliche Schäden an: In der Forst- oder Landwirtschaft können invasive Arten Ernten vernichten oder heimische Baumarten gefährden.
Sie wirken auf Ökosysteme ein: Einige Arten beeinflussen Wasserqualität, Bodenbeschaffenheit oder Nahrungsketten.
Bei uns in Deutschland haben gebietsfremde Arten bislang noch nicht zum Aussterben oder zur drastischen Reduzierung einer einheimischen Art geführt. Weltweit waren invasive Arten jedoch ein wesentlicher Faktor bei 60 Prozent der beobachteten Aussterbeereignisse, so der Bericht des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) von 2023.

Was tun Behörden gegen invasive Arten?

  • Die EU hat 2014 eine Liste mit „invasiven Arten von unionsweiter Bedeutung“ erstellt – dort sind (Stand: 2022) 88 invasive Tier- und Pflanzenarten verzeichnet. (Mindestens 46 dieser Arten kommen in Deutschland wildlebend vor.) Diese Arten dürfen nicht in die EU eingeführt oder dort gezüchtet, verkauft oder freigelassen werden. Behörden sind verpflichtet, Maßnahmen zur Bekämpfung oder Eindämmung zu ergreifen. 
  • Zu den Gegenmaßnahmen gehört Prävention, etwa Verbote hinsichtlich Besitz, Vermarktung, Zucht, Beförderung und Freisetzung invasiver Arten. 
  • Frühwarnsysteme (Monitoring) sollen helfen, die invasiven Arten rechtzeitig zu erkennen und durch Sofortmaßnahmen (Einfangen, Entfernen), die Etablierung und Ausbreitung, wenn es noch möglich ist, zu verhindern. 
  • Management: Des Weiteren wird versucht, bestehende Populationen invasiver Arten einzudämmen.
  • In Deutschland kümmert sich vor allem das Bundesamt für Naturschutz (BfN) um die Überwachung und Bewertung invasiver Arten.

Wie viele gebietsfremde und invasive Arten gibt es in Deutschland?

Derzeit werden in Deutschland rund 1000 gebietsfremde Arten gezählt – in Deutschland existieren insgesamt rund 74.000 Arten. Die Pflanzen bilden unter den Neobiota die größte Gruppe, es folgen die Wirbellosen- und Wirbeltiere. Dazu kommen noch knapp 100 Pilzarten. Das Bundesamt für Naturschutz (BfN) bewerten aktuell 115 der gebietsfremden Arten in Deutschland als invasiv, weitere 147 als potentiell invasiv. Eine 2025 veröffentlichte Studie unter Leitung des Biologen Philipp J. Haubrock, der zurzeit an der Bournemouth University/UK forscht, legt nahe, dass die Zahl der gebietsfremden Arten höher sein könnte und mehr Arten als invasiv eingeschätzt werden müssen.

Was kann ich selbst tun?

Auch Privatpersonen können viel dazu beitragen, das Risiko durch invasive Tierarten zu verringern:
1. Keine Tiere aussetzen
Exotische Haustiere wie Schildkröten, Fische oder Krabben dürfen nie in die Natur entlassen werden. Viele dieser Arten überleben – und vermehren sich.
2. Pflanzen und Tiere bewusst kaufen
Achten Sie beim Kauf im Garten- oder Tierhandel darauf, keine problematischen Arten zu erwerben. Seriöse Händler informieren über ihre Herkunft und mögliche Risiken.
3. Funde melden
Wenn Sie eine invasive Art entdecken, können Sie diese den zuständigen Naturschutzbehörden melden. Infos dazu für Norddeutschland: www.neobiota-nord.de
4. Keine fremden Arten mitbringen
Aus dem Urlaub auf keinen Fall Tiere oder Pflanzen mit nach Hause zu bringen. Auch unscheinbare Mitbringsel können Schädlinge oder invasive Arten enthalten.

Zum Weiterlesen


Bericht des Weltbiodiversitätsrates (IPBES) von 2023 
www.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/Artenschutz/IPBES-Report-Invasive-Arten.pdf
Invasive Arten von der EU-Liste, die in Hamburg gesichtet wurden
www.hamburg.de/resource/blob/171216/742589b94f46bd00f91c07bceceded5a/d-unionsliste-hh-data.pdf

Bundesamt für Naturschutz
https://neobiota.bfn.de/